Es gibt viele Menschen, die würden gern ein anderes Leben leben. Stattdessen aber müssen sie durch ihres kommen, irgendwie. Sie müssen improvisieren. Sie müssen ihr Leben überleben. Sie müssen vieles.

 

Herbert Hoven: Überlebenskünstler
Ein WDR-Feature mit Christoph M. Herbst,
Edda Fischer u.a.
Hoffmann & Campe, Hamburg 2007,
1 CD, 84 Min., 17, 95 Euro.

Zum Beispiel Linde und Henning, die Landwirte. Sie sind fleißig, aber müssen rechnen: Früher kostete die Krankenkasse 60 Mark, heute 143 Euro. Auch die Versicherungen oder Energiekosten stiegen - nur nicht das Einkommen.

Peter, der Bankräuber, löst seine Probleme anders als Hannelore, die Sozialhilfeempfängerin. Franz, der Pfarrer, ist dichter an seinen Nachbarn als jeder Lokalpolitiker. Mona, die alleinerziehende Verkäuferin, schultert mehr als sie verdient. So klingen deutsche Lebensläufe.

Elf Menschen kommen in diesem Hörbuch zu Wort. Jeder von ihnen hat schon seine Träume begraben. Der eine würde gern reisen, die andere bleibt auf den Schulden ihres Mannes sitzen. Hier reicht das Geld kaum für eine Klassenfahrt, dort nicht mal für einen neuen Füller. Alle wissen, dass sie Pflichten haben, alle sind bereit, Verantwortung zu übernehmen.

Aber: Sie haben kein Eigentum, nur ihre Arbeitskraft. Oder: Sie haben keinen Job, nur eine Ausbildung. Sie sind dem Markt und seiner Maßlosigkeit schutzlos ausgeliefert. Manche sind traurig oder verbittert. Manche versuchen, sich mit ihrer Situation abzufinden. Aber alle fragen sich: Was bin ich eigentlich noch wert?

Zwischen Kraftlosigkeit und Kapitulation ist das Leben eine Zumutung. Der Staat schiebt eine Menge Probleme ab. Wie aus gesellschaftlicher Verantwortung private Überlebenskunst wird, zeigt beispielhaft diese Sozialreportage. Aus keinem einzigen Schicksal formuliert sich ein Vorwurf. Und doch: Angeklagt werden der allgemeine Zynismus ("Misserfolge muss man verkraften können") und die ungeheuerliche Respektlosigkeit ("Kinder muss man sich leisten können").

Müssen, müssen, müssen. Darf man auch mal dürfen? Man hat doch nur dieses eine Leben.