"Mein Gott, wie klein du geworden bist. Ich kannte dich schon, da warst du noch sooo groß." So klingt es, wenn man älter wird.

 

Virginia Ironside:
Nein! Ich will keinen Seniorenteller!
Gelesen von Hannelore Hoger.
Random House, München 2007,
4 CDs, 240 Minuten, 24,95 Euro.

Marie Sharp ist Realistin - und noch mehr: pensionierte Kunsterzieherin, Hypochonder, Vertreterin unpopulärer Meinungen. Eine Beziehungs-Pessimistin, die allerlei Gründe findet, um Männer aufzugeben. Geschieden, ein Sohn, ein Kater, ein Enkel. Sie ist beratungsresistent und seit neuestem Tagebuchschreiberin.
Mitleidlos bringt sie da ihre Gedanken nieder.
Nein, Marie will weder einen Seniorenteller noch Depressionen.

Marie wurde geboren, um 60 zu werden! Sie fühlt sich an jenem 15. Januar, ihrem Geburtstag, fantastisch. Und das klingt nicht nach Manipulation. Sie hasst es, "noch alles vor sich zu haben" oder "gut auszusehen, für das Alter". Sie genießt den Heizkostenzuschuss oder die Ermäßigung in Museen und findet es erbärmlich, 60 zu sein und sich wie 30 zu fühlen. Sie hat keine Angst vor dem Verfall. Aber vor gut gemeinten Ratschlägen.

Warum sollte sie jetzt Sprachen lernen, Bungee-Jumpen oder die Mongolei mit dem Fahrrad durchqueren? Sie ist "nicht länger interessiert". Sie hat Würde - und Stimmungsschwankungen. Fünf Beerdigungen erlebte sie. Doch, dass sie als überzeugter Single mit der Liebe abgeschlossen hat, bleibt am Ende eine Behauptung.

Hannelore Hoger trifft hier typgenau mit ihrem gepflegt lakonischen Unterton die misslaunige Gereiztheit und den trockenen Humor von Marie. Und die Autorin Virginia Ironside übertrifft mit ihrer üppigen Lebensklugheit sogar alle Erwartungen. Wer wollte da noch das magere Booklet beanstanden?