Sie tut es wieder: Die Frauenzeitschrift "Brigitte" gibt ihre zweite Hörbuch-Reihe heraus. Mit der ersten Ausgabe, die Anfang 2005 erschien, überraschte die Redaktion den Hörbuchmarkt und sich selbst. Etwa 100 000 Mal wurde jedes (!) Album verkauft - allein die Hälfte gilt in der Sparte bereits als Sensation. Eine gute, simple Idee, die noch immer konkurrenzlos ist, erlebt jetzt also ihre nächste Auflage.

 

Minka Pradelski:
Und da kam Frau Kugelmann.
Gelesen von Iris Berben.
Teil 4 der Brigitte Hörbuch-Edition,
Random House 2006, 4 CDs, 288 Min., 9,95 Euro.
Gesamtausgabe (12-teilig) im Schuber 99 Euro.

Dabei ist der Titel "Starke Stimmen" keineswegs übertrieben: So sind etwa mit Barbara Rudnik ("Menschen im Hotel"), Hannelore Hoger, ("Ein Ort für die Ewigkeit"), Katharina Thalbach ("Frankenstein") und Nina Petri ("Dies ist kein Liebeslied") hervorragende Interpretinnen am Werk. Diese vier Alben seien aufrichtig empfohlen.
Jedoch repräsentieren die ausgewählten Buchvorlagen nicht nur verschiedene Gattungen (Klassiker oder Gegenwartsliteratur), sondern auch erhebliche Niveauunterschiede: Schade.

Da kann auch Hannelore Elsner, als Sprecherin sehr geschätzt, den Buch gewordenen Langweiler "Chéri" nicht retten: Ausgerechnet jene Schilderung - kluge, reife Frau lässt sich auf jungen, leichtfüßigen Lover ein - ein Bollwerk an Wortschmuck, war der Auftakt der neuen Reihe im April.
Seitdem erscheint nun alle zwei Wochen ein weiteres Hörbuch. Insgesamt zwölf Romane wurden bearbeitet oder einfach nur wiederverwertet. Die Reihe wird "Glennkill" beschließen - freundlich für September 2006 angekündigt - aber tatsächlich schon seit August 2005 auf dem Markt. Das macht aus der Edition eine Mogelpackung. Das macht das Große etwas kleiner. Das macht aber nichts. Solange sich auch Frauen wie die Kugelmann Gehör verschaffen.
Zu den wenigen, aber erstklassigen Entdeckungen gehört Minka Pradelskis Roman "Und da kam Frau Kugelmann". Eine gedankenreiche und seelenvolle Erzählung, die Iris Berben erhebend vorträgt - eine in ihrer Sensibilität und Unaufgeregtheit fabelhafte Leistung. Dem Roman hätte keine bessere Würdigung zuteil werden können.
Ein Kammerstück, das zunächst zwei Frauen aneinander geraten lässt und sie später aufs Engste miteinander verbindet: Da ist die reservierte Zippy, die nur nach Tel Aviv reist, weil sie ein Fischbesteck von Tante Halina geerbt hat. Und da ist die aufdringliche Bella Kugelmann, die nur im Hotel darauf wartet, jemandem ihre Erlebnisse zu erzählen. "Gibt es denn schöne Geschichten aus Polen?", fragt sich Zippy.
Und was für welche: Geschichten, die erwärmen - wie die vom aufmerksamen Dr. Goldstaub oder der lebensnahen Erika. Oder auch betrüben - wenn sie vom Schweigen und Verdrängen handeln. Oder erschüttern - weil sie von Schande und Denunziation getragen sind.
Zippy hört Frau Kugelmann geduldig zu und entwickelt Tag für Tag eine größere Sehnsucht nach weiteren Geschichten aus der Vergangenheit. Da geht es ihr wie dem Hörer: aus einer scheinbaren Nebensache wird eine leidenschaftliche Hauptsache. Alles andere kann warten.
Hier und jetzt muss erstmal weitergegraben werden - bis an die Wurzeln eines Stammbaumes. Bin ich das Kind meiner Eltern? Bin ich die, für die ich mich gehalten habe? Eine Biografie richtet sich neu auf.
Und Frau Kugelmann? Die plaudert vom jüdischen Leben in Bendzin. Und davon, wie jenes Fischbesteck von Polen nach Palästina gelangte. Das ist eine Offenbarung - ein Vermächtnis ist es nicht. Am Ende gibt es eine unverhoffte Antwort auf Zippys Frage: Warum fehlten beim zwölfteiligen Fischbesteck vier Gabeln und drei Messer?