Jochen Schmidt zieht aus falschen Voraussetzungen die richtigen Schlüsse.

 

Jochen Schmidt:
Seine großen Erfolge.
Live-Hörbuch.
Solo Verlag 2003, 63 Min., 16,90 Euro.

Es gibt Tage, an denen passiert nichts. Tage, an die man sich später nicht mal mehr erinnert. Sie sind einfach so vorüber gegangen, ohne zu grüßen oder etwas zu hinterlassen. Sie sind das große Nichts - und der Stoff, aus dem Jochen Schmidt kleine Ereignisse zaubert.

Jochen Schmidt gehört zur "Chaussee der Enthusiasten", die als "schönste Schriftsteller Berlins" jeden Donnerstag im RAW-Tempel (Revaler Str. 99) was erzählen. Wie seine Kollegen hat er einen starken Hang zu gewöhnlichen Alltagsgeschichten. Und er ist wirklich ein Enthusiast, denn er schafft es, konsequent aus falschen Voraussetzungen die absolut richtigen Schlüsse zu ziehen. Er beherrscht die Kunst, das Detail zur Hauptsache zu erheben. Langeweile und Rumhängen sind plötzlich ein Thema.

Oder die Einsamkeit. Sie ist ein Feind - vor allem, wenn man sie nicht gewählt hat und irgendwann anfängt, sich selbst zu belästigen. Einsamkeit macht traurig. Besonders, wenn man Geburtstag hat. Bei Schmidt aber ist alles anders. Wenn er sich einsam fühlt, macht er das Radio an. Und noch eins. Und noch eins. Dann ist es so laut in der Wohnung, dass er sich gar in einen stillen Winkel zurückziehen muss. Mit seiner Fantasie, seinem Selbstmitleid, seiner Panik und natürlich seinen Radios macht er so aus einem einsamen Tag eine amüsante Party.

"Jochen allein zu Haus" ist die erste Geschichte des Hörbuchs "Jochen Schmidt - Seine großen Erfolge", das eben im kleinen, aber feinen Solo Verlag erschienen ist. Das Buch gab bereits der Deutschen Taschenbuch Verlag heraus, aber man muss Schmidt live hören: wie er aus der Apotheken-Rundschau zitiert, der Zeitschrift Boxsport eine Ballade zum Tyson-Kampf anbietet oder einen Artikel über das neue Krematorium in Treptow schreiben will. Wie er Misserfolge lakonisch vorträgt und überaus sympathisch über seine eigenen Pointen lacht.

Da erzählt er über "Schriftsteller, die ich gern wäre ..." und über einen Ärger, der 200 Seiten dauern kann. Da steht er auf einer viel versprechenden Party mit attraktiven Mädchen, die ihre Kleidung "offenbar beim Strip-Poker verloren haben" - und entscheidet sich doch fürs Mitleid, also für das einzige hässliche Mädchen des Abends. Da erfährt er eine Offenbarung, die ihm alle Sinne raubt, aber keinerlei Erregung schenkt. Die Ohnmacht ist beinahe beseelend, die Dialektik auf menschlichstem Niveau. Schmidt macht Lust auf mehr. Und wirklich: je öfter man seine Geschichten hört, umso größer das Vergnügen.

Es gibt Tage, die sind es nicht würdig, dass sie überhaupt stattgefunden haben - es sei denn Jochen Schmidt hat sie beobachtet. Dann hat man das Gefühl, der dröge Alltag kommt auf Schmidt zu, geht durch ihn durch und schwebt unverhofft erheiternd zu uns hinüber.