Drucken

Mit seinem neuen Buch "Weltall. Erde. Mensch." serviert uns Jochen Schmidt kleine Unzulänglichkeiten aus dem Alltag

 

Weltall. Erde. Mensch.
Voland & Quist, Leipzig 2010,
176 Seiten, inklusive Hör-CD 50 Minuten,
14,90 Euro.

Ich bin nicht lustig. Mein Text ist nicht lustig. Berlin ist nicht schön. Die Luft ist mir zu schlecht." So stellt sich Jochen Schmidt vor.
Nein, dieser Autor will nicht für die breite Masse schreiben. Nein, er braucht keinen Erfolg. Nein, es macht ihm auch keinen Spaß, Auftragsarbeiten für andere zu schreiben (zum Beispiel eine Weihnachtsgeschichte für die Berliner Zeitung). Aber ja, all dies macht er natürlich. Und er macht es gut.

Sein neues Buch "Weltall. Erde. Mensch." ist übrigens nicht zu verwechseln mit "Weltall, Erde, Mensch" oder "Weltall - Erde - Mensch" (vom Verlag Neues Leben). Es ist also kein Jugendweihegeschenk, eher ein vorläufiges Manifest, quasi eine Schmidt'sche Grundsatzerklärung zu den kleinen Verzweiflungen unseres Alltags.

Es geht auch kaum ums Weltall oder die Erde, sondern vor allem um den Menschen - jenes komische Wesen, das Zigarette rauchend auf dem Balkon steht und abfällige Bemerkungen über den Gastgeber macht; das für ein Fußballspiel drei Fernbedienungen und viele Flaschen Bier parat hat, oder das massenhaft Sahnetorte essen und fünf Mal heiraten kann, aber doch nie glücklich ist.

Für dieses Buch hat der Autor 34 Geschichten versammelt, für die beiliegende Hör-CD immerhin acht (die z. B. im Magazin, in Literaturen, in der Zitty oder der Süddeutschen Zeitung erschienen sind) noch einmal leicht überarbeitet. Als Bonustrack gibt es dazu noch vier unveröffentlichte Geschichten. Und alle eint die latente Bereitschaft zur Melancholie. Wohl deswegen trägt Jochen Schmidt seine Beobachtungen so larmoyant vor. Genau das ist auch sein Markenzeichen. Er ist uncool und sentimental, schüchtern und unauffällig, er ist der konsequenteste Euphorie-Verweigerer und der kompetenteste Anstands-Querulant.

Natürlich ist Schmidt klar, dass man seine Zuhörer nicht beschimpft - aber er macht bei seinen Live-Lesungen gern mal Ausnahmen. Und auch im Buch bedient sich Schmidt munter aus dem Regal unserer Unzulänglichkeiten, packt sie ins Körbchen, tranchiert sie später, gibt dann seine Gedanken dazu, salzt sie mit Vorwürfen und spickt sie mit feiner Ironie. Schon nach drei, vier Minuten (so lange dauert jeweils eine Geschichte) sind die überraschenden Schlussfolgerungen angerichtet.

Wie man den Journalisten Futter gibt. Wie man mit dem Bundespräsidenten geschickt flirtet. Wie sich Dinge von selbst erledigen. Davon kann er berichten. Er kennt die Nachbarin, die beim Masturbieren rührende Geräusche macht, aber auch den "großen Schweiger", dessen Fangemeinde spannungsvoll auf sein erstes gesprochenes Wort lauert. Er weiß, was Mann heute braucht, um bei den Mädels Eindruck zu machen (eine Orangenpresse und eine Badewanne). Er erklärt, warum auf den Planeten Erde so oft mit Kinderfäusten eingeschlagen wird (die Antwort findet sich in Prenzlauer Berg). Warum es erniedrigend ist, pünktlich erscheinen zu müssen (Weltherrschaft der Frauen!). Warum das Gehirn mit Datenresten zugekleistert wird (die Strahlungen!). Und er ist dankbar für die VIP-Nachrichten mit ihren belanglosen Informationen und die neuesten Studien mit ihren banalen Forschungsergebnissen. Denn dann wird ihm so schlecht, dass es ihm richtig gut geht. Dann wächst er über sich hinaus. Jochen Schmidt ist ein kleiner Held, der unsere geballte Dummheit tapfer schultert.

Diesem furchtlosen Mann gebührt unsere Sympathie. Dieser Mann hat nun auch eine gut gefüllte Volksbühne verdient - mindestens. Und ja, dieser Mann hat auch Angst, dass das nicht klappt. Nein, wir stellen uns nicht vor, es sei Anarchie und keiner geht hin. Eines Tages, so droht Jochen Schmidt an, will er ein Buch schreiben, in dem nichts Interessantes steht. Aber soweit ist er eben noch nicht.