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Eine plötzliche Laune? Oder hartes Training? Richard David Precht spürt der großen Unbekannten hinterher

 

Richard David Precht
Liebe. Ein unordentliches Gefühl
Gelesen von Richard David Precht, Caroline Mart
Random House Audio, München 2009,
4 CDs, 280 Minuten, 19,95 Euro

Ist die Liebe zu trivial für die Philosophie? Richard David Precht jedenfalls findet, dass sich bisher zu wenig Philosophen damit beschäftigt haben - offenbar diskutieren die lieber über die formale Logik. Da scheint es ihm ziemlich leichtsinnig, alles nur den Lyrikern und Wissenschaftlern zu überlassen. Deshalb widmet sich der promovierte Philosoph und Bestsellerautor ("Wer bin ich - und wenn ja wie viele?") selber jenem komplexen Gefühl. Ja wurde denn bis heute tatsächlich so wenig Kluges und so wenig Gültiges zur Liebe gesagt?

Immerhin behauptet der 44-Jährige nicht, den privilegierten Zugang zur Wahrheit gefunden zu haben. Vielmehr fasst er die Liebe zusammen. In seinem neuen Buch stellt er die "Liebe" als "ein unordentliches Gefühl" dar und versucht, uns durch das Wirrwarr zu lotsen. Zum Glück beansprucht Precht dabei keine Deutungshoheit. Aber leider gelingt ihm auch nicht die (eigentlich unentbehrliche) Würdigung von Gefühlen.

So ist wieder mal ganz unsentimental die Rede von der Evolution, von der Entwicklung der Gene und von der Erziehung; natürlich. Es geht um die unterschiedlichen Liebes-Ideen, Liebes-Ideale, Liebes-Möglichkeiten - je nachdem, in welcher Kultur, zu welcher Zeit und unter welchen Umständen man aufwächst. Und dann entzaubert Precht: Liebende, so stellt er fest, übernehmen oft nur eine Rolle, die sie vorgeführt bekamen: etwa, wenn sie beim Heiratsantrag auf die Knie gehen. Überhaupt sei die romantische Liebe "eine Erfindung". Spätestens hier kann man Precht nicht vorwerfen, er wolle nur gefallen.

Mitunter wird er aber doch verbindlich: Warum sich manche immer in den Falschen verlieben? Warum sich Leidenschaft nicht lebenslang halten kann? Warum animalische Bezüge oft Kaffeesatzleserei sind? Warum Liebe eigentlich nicht nötig ist? Es scheint, er hat auf die Liebe im Allgemeinen ein paar Antworten. Doch gerade im Allgemeinen ist die Liebe ja etwas Besonderes. So bleiben viele Fragen offen: Ist Liebe nun eine Tatsache oder eine Illusion? Eine plötzliche Laune oder hartes Training? Drehbuch oder Projektion? Freiheit oder Bindung? - Was ist Liebe? Ein Dilemma? Ein Anspruch? Oder etwa doch Glück?

"Die Liebe ist das wichtigste Thema an der Schnittstelle zwischen Natur und Geisteswissenschaft", erklärt der Autor. Klingt ganz schön trocken und ist als Liebes-Erklärung völlig ungeeignet. Auch mit privaten Statements überzeugt Precht nicht: In Interviews schwärmt er von seiner Frau - mit erstaunlichen Floskeln: "Wir führen eine glückliche Beziehung". Sie in Luxemburg? Er in Köln? Seltsam. Soll Distanz des Rätsels Lösung sein?

Nun sind öffentliche Bekenntnisse nicht jedermanns Sache. Viele Menschen erfahren die Liebe ohnehin als Privatangelegenheit. Als emotionale Hingerissenheit im persönlichen Ausnahmezustand. Jeder weiß: Dass Liebe ebenso provoziert wie sie nachgibt. Dass Liebe trotzig verteidigt wird und nicht fair ist. Liebe will Abenteuer und Geborgenheit. Liebe misst sich an Erwartungen, nicht an Erfüllungen. Liebe kann vieles um sich verändern, nur nicht den Geliebten. Liebe ist aufrichtig und kann einem doch so viel vormachen. Liebe ist eine Möglichkeit, überaus glücklich, aber auch zutiefst verzweifelt zu sein. Liebe ist ...
... was sie ist: eine Herausforderung:

Zwar gibt es immer den Willen, alles erläutern zu müssen. Zwar treibt einen stets die Sehnsucht, alles verstehen zu wollen. Zwar ist es ehrenwert, intelligent über Gefühle nachdenken zu wollen. Aber die Liebe ist eigentlich nie zu fassen.

Precht spürt ihr also lediglich ein wenig hinterher. Dabei ist er klug genug, gar nicht erst den Anspruch zu erheben, den Code der Liebe zu knacken. Wie auch?! Bei einer solch unberechenbaren Größe. Und so bestätigt sich die alte Weisheit: Liebe ist das, was der größte Philosoph nicht zu erklären, aber noch der größte Dummkopf zu empfinden vermag.