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Diese Woche am Briefkasten: Oh wie nett – jemand schickt Grüße! Ach wie schade – er hat vergessen, seinen Namen drunter zu setzen!

Nur soviel ist aus dem Schreiben zu erfahren: Ein sogenanntes „Nationales Gewissen“ wendet sich an die „lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger“. Diese Post ist ein putziger Versuch, den Menschen zu beweisen, dass sie eigentlich ganz anderer Meinung sind. Recht furchtlos werden da Warnungen ausgesprochen. Aber dann fürchtet sich der Absender doch noch: vor seiner eigenen Courage. Er bleibt anonym.

Nun, in launiger Lesart geht es von Hartz IV und Drogentherapien über PC-Virtualitäten bis hin zum Osterfest und Singledasein. Vor allem aber geht es um die bösen Menschen, die in Deutschland leben und keine Deutschen sind. Da macht sich Schwarz auf Weiß eine Angst breit – die Angst, dass Nächstenliebe sich zu weit ausdehnen könnte.

Die Warnungen lauten etwa so: „In Zukunft verschwinden die christlichen Feiertage vom Kalender wie das Schweinefleisch aus den Schulkantinen!“ Huch, hätten Sie’s bemerkt? Oder wussten Sie, dass Banken „aus Rücksicht vor ihren muslimischen Kunden“ keine Spar-Schweine mehr verteilen?

Immerhin: Jene kleinen Vaterlandsfreunde legen eine flotte Schreibe hin. So flott, dass die Finger schneller waren als die Rechtschreibung. Und auch keine Grammatikfalle lassen sie aus. Das kann kleinen Amateurpatrioten schon mal passieren. Darf es aber nicht! Denn in diesem Fall gilt: Einem „Nationalen Gewissen“, dass die deutsche Sprache nicht beherrscht, muss man das „Nationale“ sogleich absprechen.

Und das „Gewissen“? Mag sein, dass sich hier eine innere Stimme erhebt – aber leider klingt sie nur so wie Knötchen auf den Stimmbändern. Räusper!

Wer sich also „Nationales Gewissen“ nennt, es nachmacht oder fälscht beziehungsweise nachgemachte oder gefälschte „Nationale Gewissen“ in Umlauf bringt, der sollte wenigstens rudimentäre Kenntnisse zu deutschen Grundrechten, zu deutscher Geschichte und Gesellschaft, vor allem aber zur deutschen Rechtschreibung haben. Das übrigens sind die Anforderungen jedes deutschen Einbürgerungstestes.

Und den sollte jenes „Nationale Gewissen“ erstmal schaffen, bevor es Briefkästen zumüllt. Sagt mir mein Gewissen.

Verfasst am 20.04.07, 17:05 Uhr