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Die Scorpions sind wieder da. Ohne Schmusenummern, ohne Orchester, ohne Kuschelrock. Und erste Kritiker freuen sich über harte Riffs, quirlige Gitarrenläufe und schräge Gesangslinien.

Heute erscheint also ihr 21. Album „Humanity – Hour 1“. Darin engagieren sich die Hannoveraner für Menschlichkeit und gegen Bedrohung. Reiner politischer Aktivismus dagegen ist ihnen angeblich fremd. Das behauptet zumindest Gitarrist Matthias Jabs im Interview mit der Nachrichtenagentur AP. Warum, fragt man sich, werden die Scorpions dann doch politisch? Und noch nicht mal politisch korrekt?

Die Behauptung, ihr Hit „Wind of Change“ sei die „Hymne zum Mauerfall“, unterstützt die Band jedenfalls noch – mit ihrem Musical, dass am 9. 11. 2009 uraufgeführt werden soll.

Genau 20 Jahre nach dem Fall der Mauer ein Musical herauszubringen, ist zweifelsohne ein politisches Statement. Zwar lehnen die Scorpions „eine direkte Einmischung, wie sie bei Bono von U2 oder Herbert Grönemeyer zu beobachten ist“ ab. Bei ihrem Jahrhundert-Hit tun sie aber so, als hätte „Wind of Change“ gesellschaftliche Umbrüche bewirkt oder wenigstens begleitet. Es heißt, eine Reihe von Songs sollen sich im Musical mit dem Fall der Mauer befassen, die meisten „stünden bereits“. Ist das unpolitisch?

1989 spielten die Scorpions beim Moscow Music Peace Festival vor 260 000 Zuschauern in der UdSSR. Sänger Klaus Meine war offenbar so beeindruckt, dass „Wind of Change“ entstand. Aber deshalb gleich alles mit Michael Gorbatschow, Perestrojka oder Mauerfall verbinden? Oder verbinden lassen? Das ist ein sehr einseitiger Umgang.

Nach dem Fall der Mauer gab es verschiedene Soundtracks in den Köpfen ehemaliger DDR-Bürger: „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen, „The Wall“ von Pink Floyd, „Als ich fortging“ von Dirk Michaelis und noch andere. Schnell bildeten sich auch sensationelle Legenden um den definitiven „Soundtrack zum Mauerfall“. So beteuerte etwa David Hasselhoff, er sei mit „Looking for Freedom“ für die „Wiedervereinigung mitverantwortlich“ gewesen. Bis heute blieb alles nur Größenwahn oder Behauptung.

Bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York war der Titel „Only Time“ von Enya längst produziert und fast von Beginn an die musikalische Untermalung der TV-Bilder.
Beim Mauerfall war „Wind of Change“ noch nicht einmal produziert. Erst später wurde Gesamtdeutschland durch Bild- und Tonbeiträge damit chloroformiert. Da hatten aber viele – besonders aus dem Osten – längst zu ihren Erlebnissen und Erfahrungen eigene Bilder und Töne im Kopf.

Nach der Wende gab es das Gerücht, Westler wirkten so hochnäsig, weil sie den Ostlern die Welt erklären wollten. Das stimmt nicht. Sie wirkten hochnäsig, weil sie den Ostlern den Osten erklären wollten. Aber das war damals, als es noch Ost-West-Konflikte gab. Jetzt geht um etwas anderes: den Soundtrack zum Mauerfall.

Welches Lied ist es denn nun die gesamtdeutsche Wende-Hymne? Und: Ist es überhaupt eines?
Welche Stimme also für wessen Stimme?

Verfasst am 25.05.07, 18:17 Uhr
| Kommentare (13) | TrackBacks (0)

Kommentare

Es gibt keine gesamtdeutsche Wendehymne, also keine Stimme für niemandes Stimme.

Gruß
Rudy Nielson

Verfasst von: Anonymous | 30.05.07, 11:40 Uhr

 

Natürlich gibt es keine gesamtdeutsche Wende-Hymne, weil das ja bedeuten würde, dass sich Gesamtdeutschland gewendet hätte. Und dies möchte ich doch stark bezweifeln. Eher kann es eine von Nick Hornby bis Alexander Osang ach so beliebte Playlist geben. Ich weiß nur, dass selbst in Ostdiscos damals "Langeweile" von Pankow goutiert wurde.
Grüße
Wieland Brohm

Verfasst von: Anonymous | 30.05.07, 15:33 Uhr

 

Die Scorpions, besonders ihr Frontmann, sind unerträglich, und das meine ich nicht nur musikalisch.

Verfasst von: Ingo Vogelmann | 31.05.07, 06:29 Uhr

 

Es ist nicht nur unerträglich, sondern auch noch peinlich:
Musik wie diese zu produzieren und dann noch hinterher zu behaupten, es wäre die "Hymne der Wende". Als hätten diese Leute noch nicht genug Geld dafür bekommen.
Dies war nämlich die Zeit, in der die Medien noch nicht so eine Bedeutung hatten. Es war ein Bedürfnis der Menschen auf die Straße zu gehen, um die EIGENE Meinung zu verkünden. Dagegen wirkt das geradezu lächerlich, was diese Hanseln von "Scorpions" meinen gemacht zu haben!

Grüße
Matthias Janke

Verfasst von: Anonymous | 31.05.07, 14:07 Uhr

 

Schenkt man den unsäglichen Kommentaren der RTL Show- Moderatoren Glauben, könnte man tatsächlich dahingehend beeinflusst werden zu meinen, die Scorpions oder gar David Hasselhoff habe ndie Mauer fallen lassen - was bei der Stimme Beider gut möglich wäre :-))).

Mein Kommentar zu Abinis Frage der Woche lässt nur einen Antwort zu

"TRAUMPAAR"

Zumindest beschreibt dieses Werk, als NachdemFallderMauerSong :-) die ersten Jahre sehr treffend und ist musikalisch einer der Songs von Tamara Danz und Silly, der mich immer wieder aufs Neue berührt.

L.G.

Ulrich

Verfasst von: ULRICH | 31.05.07, 18:36 Uhr

 

Es gibt keine Wendehymne und ich glaube, der größte Teil der Deutschen aus Ost und West sieht das genau so.

Verfasst von: Anonymous | 03.06.07, 16:59 Uhr

 

ich glaube, dass das Lied, das man zuerst gehört hat beim Mauerfall das "Wendelied" ist. Bei mir war es Nena mit "Wunder gescheh'n"

Verfasst von: Ingrid | 04.06.07, 12:49 Uhr

 

"Sie wirkten hochnäsig, weil sie den Ostlern den Osten erklären wollten. Aber das war damals, als es noch Ost-West-Konflikte gab. Jetzt geht um etwas anderes: den Soundtrack zum Mauerfall."
Achso...hm...warum schreiben sie denn im Präteritum?Ist man in den Redaktionen diverser Medien so von der Außenwelt abgeschottet, daß sie nicht merken was draußen so los ist?Aba egal, wahrscheinlich wird das mit West und Ost nie aufhören, wie mit dem Nazi Ding, es wird immer nachwirken.Nun zum eigentlichen Thema.Komisch das alle sogn. "Wende-Songs" aus dem Westen kommen(und schon wieder).Kennt niemand irgendwas aus dem Osten?Na dann icke ebend.Da gabs damals eine ziemlich abgefahrende Underground-Punk-Band;im Osten eine kleine Revolution(sie wurden auch kaum gespielt, und Tapes von ihnen wurden wie Koks gahandelt)."Feeling B".Dagegen klingt die ganze Rock-und Panksoße von heute wie eingschlaffene Füße.Also, wie gesagt, Feeling B, hab ich kurz vor der Wende gehört, aber ob da nun auch ein Wende-Song dabei war...um einige unserer Politiker mal zu zitieren:"ich kann mich nicht mehr errinnern."

Verfasst von: Dr.Dos | 07.06.07, 11:13 Uhr

 

vielleicht sollte man zum berechtigten angriff blasen und endlich einsehen, dass es verdammt an den scorpions lag, dass ost und west so langzähnig miteinander umgehen. wir assoziieren uns womöglich gegenseitig mit dieser akustik gewordenen strafe des herrn.
ich bin erstaunt, dass die autorin sich mit dem thema so eingehend befasst hat; wie haben sie das ertragen? - wie teuer sind sie? :[
ich jedenfalls bemühe mich seitdem, dieses pfeifen zu vergessen. ich würde gerne in den osten gehen, da ist es einfach leiser. aber dann wird das pfeifen im ohr bekanntlich lauter - und das ist der punkt, den ich den scorpions nicht verzeihe. man will sie doch nur vergessen!

"wendehymne" klingt ein bisschen wie "wendejacke".

 

Verfasst von: sonne | 05.07.07, 23:55 Uhr

 

Respekt den Scorpions! Sie waren bereits Weltstars, als die deutsche Musikkultur noch im unsäglichen Schleim der Peinlichkeit umherutschte. Und dafür sind die Junx aus Sarstedt mächtig am Boden gelieben; einen Ausrutscher mag man ihnen gern verzeihen.

Nach einer allgemeingültigen Wendehymne zu forschen, halte ich für eine zweifelhafte Angelegenheit. Pop-Musik ist dafür schlichtweg zu profan. Ich würde aber als schönen wie treffenden Song zur Wende "One" von U2 empfehlen – nicht als Hymne! –, weil es unter dem Eindruck der Wiedervereinigung entstand und Ansatzpunkte bietet für allerlei Interpretationen.

Verfasst von: mc o-love | 18.07.09, 00:48 Uhr

 

Respekt den Scorpions! Sie waren bereits Weltstars, als die deutsche Musikkultur noch im unsäglichen Schleim der Peinlichkeit umherutschte. Und dafür sind die Junx aus Sarstedt mächtig am Boden gelieben; einen Ausrutscher mag man ihnen gern verzeihen.

Nach einer allgemeingültigen Wendehymne zu forschen, halte ich für eine zweifelhafte Angelegenheit. Pop-Musik ist dafür schlichtweg zu profan. Ich würde aber als schönen wie treffenden Song zur Wende "One" von U2 empfehlen – nicht als Hymne! –, weil es unter dem Eindruck der Wiedervereinigung entstand und Ansatzpunkte bietet für allerlei Interpretationen.

Verfasst von: mc o-love | 18.07.09, 00:49 Uhr

 

EFFZEH

Verfasst von: Lukas | 23.04.10, 15:19 Uhr

 

die geschmäcker in bezug musik sind nun mal sehr verschieden und ich finde, dass das auch so in ordnung ist. die diskussion über einen oder den wendesong empfinde ich als überflüssig, denn es gibt ihn nicht oder - im kehrschluss -, jeder hat seinen ureigenen wendesong. mir stellt sich allerdings auch die frage, wieso immer nur songs aus dem westen zum wendesong erhoben werden. ich bin ein wessi, aber mir fallen da nur songs von bands aus der ddr ein wie z.b. am fenster, was bleibt, das narrenschiff, maikäfer such ich nicht mehr, nie zuvor, bye bye lübben city, was vom leben bleibt, der clown usw. oder auch gruppen wie feeling b, renft, winnie II, silly, lift, ute freudenberg, ic falkenberg usw. ein. ich betreibe mit ein paar guten freunden ein kleines web-radio und habe mir es zur aufgabe gemacht, die musik der ehemaligen ddr nicht untergehen zu lassen, denn das hat diese musik nicht verdient. ich spiele jeden sonntag vier stunden lang ausschliesslich musik aus der ddr - und das als wessi.

fazit: mein wendesong ist die gesamte musik der ehemaligen ddr-musiker!

Verfasst von: alfred | 14.08.10, 22:55 Uhr