Kürzlich war ich in Mumbai. Ich habe mich wahnsinnig auf Indien gefreut, also schrieb ich noch einen letzten Blog (zu Eva Herman), packte meine Koffer und hatte – wie ein Teil der Reaktionen später zeigte – guten Grund, mal wieder über den Tellerrand zu schauen und Deutschland rechts liegen zu lassen.

Um es vorwegzunehmen: In Mumbai (Bombay) kennt man die Herman nicht. Dort hat man andere Probleme: Straßenkinder, Aids oder religiösen Fanatismus. Andererseits gibt es dort auch Bollywood, Reichtum oder einmalige Kunst. Es gibt ein ebenso hohes Bildungsniveau wie abgrundtiefe Armut, Dekadenz wie Chaos. Dies alles gilt es erstmal zu verdauen – vor allem für jemanden aus einer Stadt, die mit dem Slogan: „Arm, aber sexy“ wirbt.

Es gab eine Menge zu sortieren. Ich habe mir neue Prioritäten gesetzt und einen neuen Blickwinkel eingenommen – um mein eigenes, bescheidenes Dasein neu einzuordnen. Doch kaum war ich in Deutschland wieder angekommen, stand Joachim Bublath auf und verließ die Sendung von Sandra Maischberger.

Ich war also ganz schnell wieder in meiner alten Welt. Nun, ich liebe meine Welt. Und ich fand auch, dass Bublath das Recht hatte, zu gehen. Aber ich wollte mich gedanklich nicht so schnell von Indien verabschieden wie Bublath von Maischberger. Doch es war nicht einfach, an den Reiseeindrücken festzuhalten.

Mein erster Eindruck von Mumbai war: Ich habe noch nie so viele Menschen gesehen – und noch nie so viele Autos. Was für ein Verkehr! Eine Kollegin warnte mich vor der Abreise: Es sei dort schon schwierig, eine Straße zu überqueren. Sie wollte mal über eine achtspurige Straße gehen, weil auf der anderen Seite die Kollegen standen – und hat es nicht geschafft. Nach einiger Zeit nahm sie sich ein Taxi, fuhr ein kleines Stück und wendete mit ihm zur anderen Seite. Ich fand, das war eine unglaubliche Geschichte: Ein Taxi zu nehmen, um über die Straße zu kommen! Wirklich unglaublich – aber schön zum Erzählen.
Nun weiß ich: Die Kollegin hatte Recht. Ich bin zweimal angefahren worden.

Die Fahrer waren nett, wir winkten uns zu, das nichts passiert sei und bahnten uns weiter unsere Wege. Ich habe fortan auf Motorhauben geklopft, um anzuzeigen, dass ich die Straße in jedem Fall überqueren werde und irgendwie hat es auch geklappt. Meine Kollegen und ich haben in den folgenden Tagen statistisch ermittelt, dass alle zwei (!) Sekunden gehupt wird – und ich habe emotional erfasst, dass es keinen Sinn macht, hysterisch zu werden. Doch ich begreife nicht, dass sich in dieser 26 Millionenstadt überhaupt noch was bewegt und wie das funktioniert.

Dagegen ist mein Berlin eine penibel aufgeräumte, völlig überschaubare Provinz. Und was lese ich, als ich wiederkomme?
„In Berlin wird ein Chaos befürchtet“.

Die Handwerks- und die Handelskammer, Politiker und der ADAC schlagen hier Alarm. Denn bisher haben sich von den geschätzten 1,1 bis 1,3 Millionen Berliner Autofahrern nur knapp 30 Prozent um eine „Feinstaub-Plakette“ bemüht. Da die Umweltzone (in der Innenstadt) schon bald gilt, sollte ich wohl annehmen, dass Berlins Verkehr pünktlich zum 1. Januar zusammenbrechen wird.

Ich musste schmunzeln. Soviel Luft machen sie also um eine Plakette. Doch bald verging mir das Schmunzeln: Zwar gibt es jede Menge Broschüren, Artikel, Arbeitsgruppen "Umweltzone" und Formulare zum Runterladen. Zwar werden die emissionsarmen Fahrzeuge durch die Kennzeichenverordnung geregelt. Aber wer hat noch den Überblick?

Es gibt fünf verschiedene Partikelminderungsstufen und vier Schadstoffgruppen. Es gibt für drei Schlüsselnummern Sonderregelungen und für acht Fahrzeugtypen generelle Ausnahmen. Ja aber was ist mit dem eigenen Auto? Ich meine, hier in Berlin kann man es ja wenigstens noch richtig bewegen.
Aber ohne Feinstaubplakette?

Das klang jedenfalls alles nach Stress. Und als ich beim Bürgeramt meinen Pass verlängern ließ, nun ja, da bekam ich eben eine dieser Broschüren. Ich informierte mich gründlicher.
Dauer: zeitraubend.

Am nächsten Tag lief ich mit meinen Einkaufstüten an einer Autowerkstatt vorbei. Ich schaute spontan rein, fragte nach der Plakette, zeigte meinen Fahrzeugschein – und bezahlte fünf Euro.
Dauer: zwei Minuten.

Hat jemand eine Ahnung, wie dieses „Chaos in Berlin“ noch abgewendet werden kann?

Verfasst am 09.11.07, 19:40 Uhr
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Kommentare

Ja, Probleme über Probleme, scheinbar unlösbarer Natur... Besonders nach einem solchen Ausflug fällt einem das Absurde so manch einer Diskussion, die in unseren Breiten geführt wird, erst so richtig auf. Es ist sehr heilsam, mal diesen Kontinent hier zu verlassen, um den Blick zu korrigieren und gleichzeitig zu schärfen. All die aufregenden Themen unseres Alltags werden wieder auf ihr natürliches Maß zurückgeschrumpft. Auf einmal hinterlassen viele bei uns nur noch ein müdes Schmunzeln...
Als ich nach meinem ersten Aufenthalt in Afrika vor gut zehn Jahren (er dauerte sechs Wochen) wieder zurück nach Deutschland kam, empfingen mich meine Freunde mit einer eigens für mich organisierten Willkommensparty. Ich weiß noch genau, wie ich mich damals fühlte: irritiert von den Gesprächen, an denen ich doch sonst so rege teilgenommen hatte, irgendwie auf sonderbare Art deplaziert, wie außen vor. Erst mit der Zeit konnte ich hier und da den einen oder anderen ein wenig an dem teilhaben lassen, was ich an Erfahrungen mitgebracht hatte. Einige Zeit später hat auch mich zwangsläufig der Alltag mit all seinen kleinen und großen Sorgen wieder ganz hierher zurück geholt. Aber die Sehnsucht, von Zeit zu Zeit einen Blick von außen darauf zu haben, ist sehr tief in mir verankert.

Verfasst von: Petra | 12.11.07, 22:24 Uhr